{"id":130,"date":"2006-10-09T12:50:53","date_gmt":"2006-10-09T10:50:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sunfeel.de\/wordpress\/re-mastered-tour-interview-die-pop-avantgardistische-verschworungstheorie\/"},"modified":"2013-09-14T22:17:01","modified_gmt":"2013-09-14T20:17:01","slug":"re-mastered-tour-interview-die-pop-avantgardistische-verschworungstheorie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sunfeel.de\/tourblog\/re-mastered-tour-interview-die-pop-avantgardistische-verschworungstheorie\/","title":{"rendered":"Re-Mastered Tour &#8211; Interview: Phillip Boa und die pop-avantgardistische Verschw\u00f6rungstheorie"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" height=\"130\" alt=\"Banner\" src=\"http:\/\/www.sunfeel.de\/tourblog\/wp-content\/uploads\/2006\/10\/interview2006_head.jpg\" width=\"504\" \/><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.boastuff.de\/downloads\/Gruss%20von%20Boa.mp3\">Gru\u00df von Boa (mp3)<\/a><\/p>\n<p>Es ist Samstag, der 30. September. Sommer in Berlin. Vor dem Kesselhaus in der alten KulturBrauerei versammeln sich Leute in Voodooclub-Shirts in allen erdenklichen Farben. Phillip Boa ist wieder in der Stadt. Aber dieses mal nicht mit einem Jubil\u00e4umsprogramm und auch nicht als Promotiongig f\u00fcr ein neues Album. Nein, heute ist Retrospektive angesagt. Anl\u00e4sslich der Wiederver\u00f6ffentlichung der drei Alben &#8222;Copperfield&#8220;, &#8222;Hair&#8220; und &#8222;Hispanola&#8220; erf\u00fcllt Phillip Boa mit seinem Voodooclub lang gehegte Fantr\u00e4ume: Gespielt wird ein Set jenseits vom \u00fcblichen Best-Of. Perlen aus alten Zeiten. Die verschrobene Faszination der alten Tage soll heute wiedererweckt werden.<\/p>\n<p><strong>Wann hatte Boa die Idee zu diesem neuen wunderbaren Streich?<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Eigentlich hatte ich die Idee selbst nie, weil ich immer Angst davor habe das Buch zu \u00f6ffnen und meine eigene Vergangenheit zu sehen. Man hat ja immer Pl\u00e4ne. Ich kann nicht jedes Jahr ein neues Album ver\u00f6ffentlichen. Das w\u00fcrde ich zwar gerne machen, es w\u00e4re strategisch aber nicht besonders klug. Die eigentliche Idee zu diesen speziellen Konzerten kam eigentlich von ein paar Fans, die mir diesen Vorschlag bei unserem Fanmeeting in der Leipziger Moritzbastei unterbreiteten. In dem Augenblick erschien mir das unglaublich logisch und sinnvoll. Ich musste daf\u00fcr einen Anlass finden und da ich ohnehin Gespr\u00e4che mit Universal dar\u00fcber gef\u00fchrt habe, ein paar Alben wiederzuver\u00f6ffentlichen, war der Anlass damit gegeben. Es ist ein bisschen so vermarktet worden, als sei das Album neu aufgenommen oder neu gemixt worden. Das stimmt nicht und das w\u00fcrde ich auch niemals tun. Ich w\u00fcrde die Originale nie angreifen. Sie klingen zwar ein wenig nach den 80ern und 90ern, allerdings sind sie durch die Musik selbst sehr individuell und eigenst\u00e4ndig. Ich wollte die Originalalben einfach wieder erh\u00e4ltlich machen und auch vom Gesamtsound her etwas mehr in Richtung Jahr 2006 r\u00fccken. Fetter und lauter, so dass man gewisse Dinge einfach besser h\u00f6rt. Die ganzen verschollenen oder nur teuer \u00fcber eBay erh\u00e4ltlichen B-Seiten und Rarit\u00e4ten kann man nun auch in besserem Sound auf diesen CDs finden, die fast wie eine Compilation aus der damaligen Zeit sind. Eine sehr liebevolle und aufw\u00e4ndige Arbeit an den Originalb\u00e4ndern.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Vor einiger Zeit war immer wieder von Problemen mit Universal die Rede. Wie kam es zu der pl\u00f6tzlichen Wiederver\u00f6ffentlichung der alten Alben?<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Ich hatte irgendwann mal von Universal das \u201aOkay\u2019 f\u00fcr die Wiederver\u00f6ffentlichungen. Pl\u00f6tzlich gab es keinen \u00c4rger mehr. Das waren alte politische Streitigkeiten aus der Zeit als Tim Renner noch ein bisschen entt\u00e4uscht war, dass ich Universal verlassen habe. Die CDs sind dann \u2013 mehr oder weniger mutwillig \u2013 aus dem Katalog gestrichen worden. Doch die Unruhen haben sich erst einmal erledigt. Man hat sich bei Universal sehr viel M\u00fche gegeben mit der Wiederaufarbeitung. Sie wollen auch noch mal 2 bis 3 Alben in der Art und Weise wiederauflegen. Ich denke da zum Beispiel an &#8222;Helios&#8220;, &#8222;Boaphenia&#8220; oder die ersten beiden Alben. Das sind die Projekte, die demn\u00e4chst anstehen. Ob es dann ebenfalls eine Livepr\u00e4sentation der Alben geben wird, wei\u00df ich jetzt noch nicht. Mir liegt sehr viel daran m\u00f6glichst viele Alben wieder erh\u00e4ltlich zu machen. Wenigstens bis zum 94er Album &#8222;God&#8220;. Die anderen Alben danach sind sowieso theoretisch erh\u00e4ltlich.&#8220; <\/em><\/p>\n<p><strong>Als Boa beim Soundcheck &#8222;Andy W.&#8220; ins Mikrofon brummte, musste ich an all die Erinnerungen denken, die ich mit diesem Lied verbinde. Hatte der Meister selbst auch emotionale Flashbacks beim W\u00fchlen in den Metaphern der Vergangenheit?<\/strong><br \/>\n<em>&#8222;Diese Flashbacks, diese tr\u00fcmmerhaften Erinnerungen sind erst w\u00e4hrend des Probens &#8211; als man sich extrem mit diesen Liedern besch\u00e4ftigt hat &#8211; aufgetreten. Man verliert nach und nach die Angst. Der Respekt vor diesen Songs ist gro\u00df. Sie sind ganz anders als die Pop- oder Rock-Musik von heute, sie sind wirklich Avantgarde. Selbst die Singles \u2013 die Leute haben sich nur einfach daran gew\u00f6hnt. Die Lieder sind wirklich einmalig. Ich kenne keinen K\u00fcnstler der solche Musik macht. Nat\u00fcrlich h\u00f6rt man \u00fcberall mal Einfl\u00fcsse, aber trotzdem ist die Musik sehr eigenwillig und mutig. Mich macht das stolz. Ich wei\u00df, dass ich kein Hype war und dass ich meinen Erfolg durch die Musik erlangt habe. Auf der anderen Seite bin ich verzweifelt, weil ich nicht wei\u00df, wie ich jemals wieder so eine Musik erschaffen kann. Das ist merkw\u00fcrdig. Man lebt ja auch in einer anderen Zeit.&#8220; <\/em><\/p>\n<p><strong>Kein Zweifel \u2013 Boa verstand es stets melodi\u00f6se popul\u00e4re U-Musik mit anspruchsvoller avantgardistischer E-Musik zu verbinden&#8230;<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Richtig \u2013 und wenn Pop, dann spielen wir damit. Es sollte nie nur Avantgarde sein, sondern auch popul\u00e4r. Trotz aller Ungew\u00f6hnlichkeit sollte die Musik auch immer melodi\u00f6s sein. Das war immer die Attit\u00fcde, vom ersten Ton von Phillip Boa &#038; The Voodooclub an \u2013 die erste Mini-EP &#8222;Most boring world&#8220; mal ausgenommen. Aber vom ersten Album an war das Konzept klar: Popmusik anzugreifen und mit ihr spielen. Das wurde dann auch honoriert, beispielsweise von der englischen Presse, die mir nun endlich wieder vorliegt. Ein verr\u00fcckter Fan in Krefeld hat die ganze Garderobe mit alten Presseberichten vollgeh\u00e4ngt. Die haben wir uns dann abgemacht. Egal was man \u00fcber uns denkt: Die Musik ist anders und sie hat ihren Respekt verdient.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Absolut! Boa-Alben sind im seltensten Fall Schnellz\u00fcnder gewesen. Eine mehrmonatige Reinh\u00f6r- und Festh\u00f6rphase ist keine Seltenheit. Doch wenn sich Boas Indie-Avantgarde-Pop einmal im Geh\u00f6rgang verkantet hat, steht einer langanhaltenden Voodoopassion nichts mehr im Wege. Der sonst so zweifelnde, haltsuchende Boa wei\u00df wohl um die Anziehung seiner (Fr\u00fch)werke&#8230;<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Die Alben haben eine unheimliche Magie. Ich glaube, dass diese erst in ungef\u00e4hr 20 bis 30 Jahren erkannt werden wird. Auf den Konzerten sieht man wie irritiert die Leute und selbst wir sind. Es ist eine Art Zeitreise. Time-Machine. Aber es ist unglaublich cool das zu tun. Andererseits ist es auch eine unheimliche Qual, da es sehr schwierig ist, die Songs zu spielen und zu vermitteln. Seit dem dritten Konzert sind wir aber \u00fcber diese komplizierte Phase hinweg. Es ist harmonisch geworden. Jetzt macht es Spa\u00df die Leute zu irritieren und sie gleichzeitig dazu zu zwingen, sich mit den Liedern auseinander zu setzen. Oft sind die Leute ganz verwirrt am Ende des Sets die drei Singles oder Lieder wie &#8222;Albert is a headbanger&#8220; oder &#8222;Fine art in silver&#8220; mitten in diesen Konzepten zu h\u00f6ren. Das ist schon alles sehr cool.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Und das alles ohne Promotiondruck?<\/strong><br \/>\n<em>&#8222;Es ist gar kein Promotiondruck dahinter. Das war auch von vornherein so geplant. Wir wollten die Alben selbst auch bewusst nahe dem Original belassen \u2013 kein neues Cover, keine neuen Fotos. Alles andere w\u00e4re Geschichtsf\u00e4lschung.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Au\u00dfer Pia und Dir ist von der Ur-Besetzung des Voodooclubs niemand mehr \u00fcbrig. Wie ist es nun f\u00fcr die Band, diese \u2013 f\u00fcr sie doch teilweise sehr fremden \u2013 St\u00fccke zu spielen und zu interpretieren?<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Das war unglaublich schwierig f\u00fcr die Band. Eigentlich sind sie alle mehr oder weniger gute Musiker, aber sie m\u00fcssen trotzdem bei vielen Liedern vom Blatt spielen. Das ist echt lustig. Ich komme mir manchmal vor wie Frank Zappa.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Im Tourblog zur aktuellen Konzertreihe gab es hin und wieder kleine Handyfotos und Videosequenzen zu sehen, in denen Boa, Pia und der Voodooclub wie eine harmonische Familie im Sommerurlaub wirken. Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung im Hause Vooodooclan?<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Ich lege gro\u00dfen Wert darauf, dass meine Band mich unterst\u00fctzt. Es ist keine Familie, aber es ist der Voodooclub&#8230; das ist einmalig&#8230; diese Band hat Hard-Core-Fans. Das sind keine Massen, aber sie sind verschworen. Das Ganze hat etwas Konspiratives. Phillip Boa &#038; The Voodooclub ist eigentlich eine Verschw\u00f6rungstheorie von Menschen, die alle ein bisschen verr\u00fcckt sind und die akzeptieren, dass ich nicht korrupt bin. Man kann mich nicht kaufen. Ich verkaufe lieber \u201anur\u2019 15.000 Platten als mich selbst. Ich mache nur das was ich will. Die Leute sch\u00e4tzen das an mir. In einer immer korrupteren und immer heuchlerischer gepr\u00e4gten Gesellschaft bin ich nicht greifbar.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Gut so. Er k\u00e4mpft wie ein jugendlicher Rebell. Das hat viel Charme. Wir Fans danken es ihm. Apropos Fan\u2026 der fu\u00dfballbegeisterte Phillip hat doch sicher die WM aktiv mitverfolgt?<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Das lies sich ja nicht verhindern. Aber ich fand es schon ganz gut. Deutschland fand ich cool. Costa Rica. Finnland hat nicht mitgespielt, oder? England. Frankreich habe ich auch unterst\u00fctzt. Ich mag Italien als Land ja sehr gerne, aber dennoch fand ich es sehr schade, dass Frankreich verloren hat, weil ich auch zu einem Viertel selbst Franzose bin. Ich finde so Typen wie Zidane auch einfach unheimlich cool.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Ist Boa selbst vielleicht der Zidane des Indie-Rocks? Wer wei\u00df. Da bleibt am Ende nur noch Aussicht auf die Zukunft&#8230;<\/strong><br \/>\n<em>&#8222;Ich m\u00f6chte weiter an meinem Backcatalouge arbeiten und vielleicht ein paar Konzerte machen, wo ich vielleicht zwei weitere Alben pr\u00e4sentiere. Parallel dazu m\u00f6chte ich ohne Zeitdruck an einem Album arbeiten. Motor Music &#8211; mit denen ich mich gerade wieder vertragen habe \u2013 m\u00f6chten mich allerdings schon unter Druck setzen. Aber ich habe mit Malta abgeschlossen und deswegen wird das Album auch anders klingen. Die mediterrane, mit &#8222;Boaphenia&#8220; begonnene Phase ist beendet. Hat ja lange gedauert. Durch diese Tour habe ich eine Art Selbstbewusstsein bekommen, weil die Musik so einmalig ist. Als wir fr\u00fcher in der Presse hochgehalten wurden haben viele gesagt, dass wir nur Hype sind. Wenn ich mir die Musik heute aber anh\u00f6re, dann stelle ich fest, dass ich mich wie niemand anders anh\u00f6re. Ich verlange von jedem den Respekt davor. Keiner klingt wie Phillip Boa &#038; The Voodooclub. Bis 1993 &#8211; danach vielleicht auch nicht. Ich bin nun einmal definitiv eine der besten deutschen Bands, das ist nun einmal so.&#8220; <\/em><\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein sch\u00f6ner Abschlusssatz. Das neue Selbstbewusstsein steht ihm. Folgen wir \u2013 der verschworene Clan \u2013 unserem Meister weiter auf konspirativen Wegen, durch T\u00e4ler der Angst und \u00fcber Berge des Gr\u00f6\u00dfenwahns bis dann am Ende dieser musikalischen Odyssee der letzte magische Vorhang f\u00e4llt. And when the magic fades&#8230; Was dann? Wie auch immer. Boa soll leben, dreimal hoch!<\/p>\n<p>Daniel Jahn, Oktober 2006 Text + Foto \u00a9 2006 DANIEL JAHN (daniel@medienkonverter.de)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" height=\"130\" alt=\"Banner\" src=\"http:\/\/www.sunfeel.de\/tourblog\/wp-content\/uploads\/2006\/10\/interview2006_head.jpg\" width=\"504\" \/><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.boastuff.de\/downloads\/Gruss%20von%20Boa.mp3\">Gru\u00df von Boa (mp3)<\/a><\/p>\n<p>Es ist Samstag, der 30. September. Sommer in Berlin. Vor dem Kesselhaus in der alten KulturBrauerei versammeln sich Leute in Voodooclub-Shirts in allen erdenklichen Farben. Phillip Boa ist wieder in der Stadt. Aber dieses mal nicht mit einem Jubil\u00e4umsprogramm und auch nicht als Promotiongig f\u00fcr ein neues Album. Nein, heute ist Retrospektive angesagt. Anl\u00e4sslich der Wiederver\u00f6ffentlichung der drei Alben &#8222;Copperfield&#8220;, &#8222;Hair&#8220; und &#8222;Hispanola&#8220; erf\u00fcllt Phillip Boa mit seinem Voodooclub lang gehegte Fantr\u00e4ume: Gespielt wird ein Set jenseits vom \u00fcblichen Best-Of. Perlen aus alten Zeiten. Die verschrobene Faszination der alten Tage soll heute wiedererweckt werden.<\/p>\n<p><strong>Wann hatte Boa die Idee zu diesem neuen wunderbaren Streich?<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Eigentlich hatte ich die Idee selbst nie, weil ich immer Angst davor habe das Buch zu \u00f6ffnen und meine eigene Vergangenheit zu sehen. Man hat ja immer Pl\u00e4ne. Ich kann nicht jedes Jahr ein neues Album ver\u00f6ffentlichen. Das w\u00fcrde ich zwar gerne machen, es w\u00e4re strategisch aber nicht besonders klug. Die eigentliche Idee zu diesen speziellen Konzerten kam eigentlich von ein paar Fans, die mir diesen Vorschlag bei unserem Fanmeeting in der Leipziger Moritzbastei unterbreiteten. In dem Augenblick erschien mir das unglaublich logisch und sinnvoll. Ich musste daf\u00fcr einen Anlass finden und da ich ohnehin Gespr\u00e4che mit Universal dar\u00fcber gef\u00fchrt habe, ein paar Alben wiederzuver\u00f6ffentlichen, war der Anlass damit gegeben. Es ist ein bisschen so vermarktet worden, als sei das Album neu aufgenommen oder neu gemixt worden. Das stimmt nicht und das w\u00fcrde ich auch niemals tun. Ich w\u00fcrde die Originale nie angreifen. Sie klingen zwar ein wenig nach den 80ern und 90ern, allerdings sind sie durch die Musik selbst sehr individuell und eigenst\u00e4ndig. Ich wollte die Originalalben einfach wieder erh\u00e4ltlich machen und auch vom Gesamtsound her etwas mehr in Richtung Jahr 2006 r\u00fccken. Fetter und lauter, so dass man gewisse Dinge einfach besser h\u00f6rt. Die ganzen verschollenen oder nur teuer \u00fcber eBay erh\u00e4ltlichen B-Seiten und Rarit\u00e4ten kann man nun auch in besserem Sound auf diesen CDs finden, die fast wie eine Compilation aus der damaligen Zeit sind. Eine sehr liebevolle und aufw\u00e4ndige Arbeit an den Originalb\u00e4ndern.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Vor einiger Zeit war immer wieder von Problemen mit Universal die Rede. Wie kam es zu der pl\u00f6tzlichen Wiederver\u00f6ffentlichung der alten Alben?<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Ich hatte irgendwann mal von Universal das \u201aOkay\u2019 f\u00fcr die Wiederver\u00f6ffentlichungen. Pl\u00f6tzlich gab es keinen \u00c4rger mehr. Das waren alte politische Streitigkeiten aus der Zeit als Tim Renner noch ein bisschen entt\u00e4uscht war, dass ich Universal verlassen habe. Die CDs sind dann \u2013 mehr oder weniger mutwillig \u2013 aus dem Katalog gestrichen worden. Doch die Unruhen haben sich erst einmal erledigt. Man hat sich bei Universal sehr viel M\u00fche gegeben mit der Wiederaufarbeitung. Sie wollen auch noch mal 2 bis 3 Alben in der Art und Weise wiederauflegen. Ich denke da zum Beispiel an &#8222;Helios&#8220;, &#8222;Boaphenia&#8220; oder die ersten beiden Alben. Das sind die Projekte, die demn\u00e4chst anstehen. Ob es dann ebenfalls eine Livepr\u00e4sentation der Alben geben wird, wei\u00df ich jetzt noch nicht. Mir liegt sehr viel daran m\u00f6glichst viele Alben wieder erh\u00e4ltlich zu machen. Wenigstens bis zum 94er Album &#8222;God&#8220;. Die anderen Alben danach sind sowieso theoretisch erh\u00e4ltlich.&#8220; <\/em><\/p>\n<p><strong>Als Boa beim Soundcheck &#8222;Andy W.&#8220; ins Mikrofon brummte, musste ich an all die Erinnerungen denken, die ich mit diesem Lied verbinde. Hatte der Meister selbst auch emotionale Flashbacks beim W\u00fchlen in den Metaphern der Vergangenheit?<\/strong><br \/>\n<em>&#8222;Diese Flashbacks, diese tr\u00fcmmerhaften Erinnerungen sind erst w\u00e4hrend des Probens &#8211; als man sich extrem mit diesen Liedern besch\u00e4ftigt hat &#8211; aufgetreten. Man verliert nach und nach die Angst. Der Respekt vor diesen Songs ist gro\u00df. Sie sind ganz anders als die Pop- oder Rock-Musik von heute, sie sind wirklich Avantgarde. Selbst die Singles \u2013 die Leute haben sich nur einfach daran gew\u00f6hnt. Die Lieder sind wirklich einmalig. Ich kenne keinen K\u00fcnstler der solche Musik macht. Nat\u00fcrlich h\u00f6rt man \u00fcberall mal Einfl\u00fcsse, aber trotzdem ist die Musik sehr eigenwillig und mutig. Mich macht das stolz. Ich wei\u00df, dass ich kein Hype war und dass ich meinen Erfolg durch die Musik erlangt habe. Auf der anderen Seite bin ich verzweifelt, weil ich nicht wei\u00df, wie ich jemals wieder so eine Musik erschaffen kann. Das ist merkw\u00fcrdig. Man lebt ja auch in einer anderen Zeit.&#8220; <\/em><\/p>\n<p><strong>Kein Zweifel \u2013 Boa verstand es stets melodi\u00f6se popul\u00e4re U-Musik mit anspruchsvoller avantgardistischer E-Musik zu verbinden&#8230;<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Richtig \u2013 und wenn Pop, dann spielen wir damit. Es sollte nie nur Avantgarde sein, sondern auch popul\u00e4r. Trotz aller Ungew\u00f6hnlichkeit sollte die Musik auch immer melodi\u00f6s sein. Das war immer die Attit\u00fcde, vom ersten Ton von Phillip Boa &#038; The Voodooclub an \u2013 die erste Mini-EP &#8222;Most boring world&#8220; mal ausgenommen. Aber vom ersten Album an war das Konzept klar: Popmusik anzugreifen und mit ihr spielen. Das wurde dann auch honoriert, beispielsweise von der englischen Presse, die mir nun endlich wieder vorliegt. Ein verr\u00fcckter Fan in Krefeld hat die ganze Garderobe mit alten Presseberichten vollgeh\u00e4ngt. Die haben wir uns dann abgemacht. Egal was man \u00fcber uns denkt: Die Musik ist anders und sie hat ihren Respekt verdient.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Absolut! Boa-Alben sind im seltensten Fall Schnellz\u00fcnder gewesen. Eine mehrmonatige Reinh\u00f6r- und Festh\u00f6rphase ist keine Seltenheit. Doch wenn sich Boas Indie-Avantgarde-Pop einmal im Geh\u00f6rgang verkantet hat, steht einer langanhaltenden Voodoopassion nichts mehr im Wege. Der sonst so zweifelnde, haltsuchende Boa wei\u00df wohl um die Anziehung seiner (Fr\u00fch)werke&#8230;<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Die Alben haben eine unheimliche Magie. Ich glaube, dass diese erst in ungef\u00e4hr 20 bis 30 Jahren erkannt werden wird. Auf den Konzerten sieht man wie irritiert die Leute und selbst wir sind. Es ist eine Art Zeitreise. Time-Machine. Aber es ist unglaublich cool das zu tun. Andererseits ist es auch eine unheimliche Qual, da es sehr schwierig ist, die Songs zu spielen und zu vermitteln. Seit dem dritten Konzert sind wir aber \u00fcber diese komplizierte Phase hinweg. Es ist harmonisch geworden. Jetzt macht es Spa\u00df die Leute zu irritieren und sie gleichzeitig dazu zu zwingen, sich mit den Liedern auseinander zu setzen. Oft sind die Leute ganz verwirrt am Ende des Sets die drei Singles oder Lieder wie &#8222;Albert is a headbanger&#8220; oder &#8222;Fine art in silver&#8220; mitten in diesen Konzepten zu h\u00f6ren. Das ist schon alles sehr cool.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Und das alles ohne Promotiondruck?<\/strong><br \/>\n<em>&#8222;Es ist gar kein Promotiondruck dahinter. Das war auch von vornherein so geplant. Wir wollten die Alben selbst auch bewusst nahe dem Original belassen \u2013 kein neues Cover, keine neuen Fotos. Alles andere w\u00e4re Geschichtsf\u00e4lschung.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Au\u00dfer Pia und Dir ist von der Ur-Besetzung des Voodooclubs niemand mehr \u00fcbrig. Wie ist es nun f\u00fcr die Band, diese \u2013 f\u00fcr sie doch teilweise sehr fremden \u2013 St\u00fccke zu spielen und zu interpretieren?<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Das war unglaublich schwierig f\u00fcr die Band. Eigentlich sind sie alle mehr oder weniger gute Musiker, aber sie m\u00fcssen trotzdem bei vielen Liedern vom Blatt spielen. Das ist echt lustig. Ich komme mir manchmal vor wie Frank Zappa.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Im Tourblog zur aktuellen Konzertreihe gab es hin und wieder kleine Handyfotos und Videosequenzen zu sehen, in denen Boa, Pia und der Voodooclub wie eine harmonische Familie im Sommerurlaub wirken. Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung im Hause Vooodooclan?<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Ich lege gro\u00dfen Wert darauf, dass meine Band mich unterst\u00fctzt. Es ist keine Familie, aber es ist der Voodooclub&#8230; das ist einmalig&#8230; diese Band hat Hard-Core-Fans. Das sind keine Massen, aber sie sind verschworen. Das Ganze hat etwas Konspiratives. Phillip Boa &#038; The Voodooclub ist eigentlich eine Verschw\u00f6rungstheorie von Menschen, die alle ein bisschen verr\u00fcckt sind und die akzeptieren, dass ich nicht korrupt bin. Man kann mich nicht kaufen. Ich verkaufe lieber \u201anur\u2019 15.000 Platten als mich selbst. Ich mache nur das was ich will. Die Leute sch\u00e4tzen das an mir. In einer immer korrupteren und immer heuchlerischer gepr\u00e4gten Gesellschaft bin ich nicht greifbar.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Gut so. Er k\u00e4mpft wie ein jugendlicher Rebell. Das hat viel Charme. Wir Fans danken es ihm. Apropos Fan\u2026 der fu\u00dfballbegeisterte Phillip hat doch sicher die WM aktiv mitverfolgt?<br \/>\n<\/strong><em>&#8222;Das lies sich ja nicht verhindern. Aber ich fand es schon ganz gut. Deutschland fand ich cool. Costa Rica. Finnland hat nicht mitgespielt, oder? England. Frankreich habe ich auch unterst\u00fctzt. Ich mag Italien als Land ja sehr gerne, aber dennoch fand ich es sehr schade, dass Frankreich verloren hat, weil ich auch zu einem Viertel selbst Franzose bin. Ich finde so Typen wie Zidane auch einfach unheimlich cool.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Ist Boa selbst vielleicht der Zidane des Indie-Rocks? Wer wei\u00df. Da bleibt am Ende nur noch Aussicht auf die Zukunft&#8230;<\/strong><br \/>\n<em>&#8222;Ich m\u00f6chte weiter an meinem Backcatalouge arbeiten und vielleicht ein paar Konzerte machen, wo ich vielleicht zwei weitere Alben pr\u00e4sentiere. Parallel dazu m\u00f6chte ich ohne Zeitdruck an einem Album arbeiten. Motor Music &#8211; mit denen ich mich gerade wieder vertragen habe \u2013 m\u00f6chten mich allerdings schon unter Druck setzen. Aber ich habe mit Malta abgeschlossen und deswegen wird das Album auch anders klingen. Die mediterrane, mit &#8222;Boaphenia&#8220; begonnene Phase ist beendet. Hat ja lange gedauert. Durch diese Tour habe ich eine Art Selbstbewusstsein bekommen, weil die Musik so einmalig ist. Als wir fr\u00fcher in der Presse hochgehalten wurden haben viele gesagt, dass wir nur Hype sind. Wenn ich mir die Musik heute aber anh\u00f6re, dann stelle ich fest, dass ich mich wie niemand anders anh\u00f6re. Ich verlange von jedem den Respekt davor. Keiner klingt wie Phillip Boa &#038; The Voodooclub. Bis 1993 &#8211; danach vielleicht auch nicht. Ich bin nun einmal definitiv eine der besten deutschen Bands, das ist nun einmal so.&#8220; <\/em><\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein sch\u00f6ner Abschlusssatz. Das neue Selbstbewusstsein steht ihm. Folgen wir \u2013 der verschworene Clan \u2013 unserem Meister weiter auf konspirativen Wegen, durch T\u00e4ler der Angst und \u00fcber Berge des Gr\u00f6\u00dfenwahns bis dann am Ende dieser musikalischen Odyssee der letzte magische Vorhang f\u00e4llt. 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Boa soll leben, dreimal hoch!<\/p>\n<p>Daniel Jahn, Oktober 2006 Text + Foto \u00a9 2006 DANIEL JAHN (daniel@medienkonverter.de)<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":48,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-130","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sunfeel.de\/tourblog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/130","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sunfeel.de\/tourblog\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sunfeel.de\/tourblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sunfeel.de\/tourblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sunfeel.de\/tourblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=130"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.sunfeel.de\/tourblog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/130\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1150,"href":"https:\/\/www.sunfeel.de\/tourblog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/130\/revisions\/1150"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sunfeel.de\/tourblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=130"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}